Spurwechsel – Vom Beruf in die Berufung

Am 9. Mai 1998 besuchte ich eines Abends eine Kunstausstellung des Künstlers Bernd Fasching in Wien. Der Titel war New York New York mit dem Untertitel «Arbeit an sich, ist Arbeit an sich». Das Konzept war, dass Bernd Fasching sich in sieben Städten zwölf Tage und Nächte in eine Galerie mit zwölf leeren Leinwänden einschloss. So malte er alle 24 Stunden ein neues Bild. Thema waren die 12 Taten des Herkules. Der Künstler tauschte sich dazu interaktiv mit den Galeriebesuchern aus und lies dies in die Bilder miteinfliessen. Die Ausstellung sprach alle Sinne an. Die Besucher liefen auf Sand, sassen auf Heuballen und hörten im Hintergrund Musik.

Die Ausstellung, die in Wien stattfand, zeigte die zwölf Bilder aus New York und die aus Jerusalem. Das Bild des ersten Tages des Jerusalem-Zyklus zeigte ein Tor. Es war wie eine Eingebung. Eigentlich war ich zufrieden. Ich lebte in Wien, war erfolgreich. Die Frage, die ich in mir trug war: “Ist das alles, was ich lebe? Gibt es nicht noch mehr?” Da war eine Sehnsucht in mir, welche ich noch nicht deuten konnte. Es erinnerte mich an den Schafhirten im Alchimisten von Paulo Coelho. Der Schatz ist in dir und zugleich brauchen wir äussere Erfahrungen um ihn zu heben und zu uns selbst zu finden.

An diesem Abend in Wien wurde mir klar: Ich gebe meine jetzige Karriere auf, gehe nach New York und mache etwas mit Kunst. Ich wusste, das ist es! Mein Spurwechsel fand an diesem Abend statt. Die Ausstellung in Wien war eine Fügung des Schicksals. Dieses löste etwas aus, was heute – 15 Jahre danach – immer noch Bestand hat: “Arbeit an sich ist Arbeit an sich”.

Immer wieder ist es wichtig, seinen Fokus zu schärfen, einen anderen Fokus zu setzen, Dinge aus einem anderen, neuen Blickwinkel zu betrachten. Andere Rollen einzunehmen.

Patrick Looser